Wie kann ich mit Kindern und Jugendlichen über Wahlergebnisse und Politik reden? Im Gespräch mit Dominik Ringler
Wie können wir mit jungen Menschen über aktuelle politische Ereignisse, wie bspw. die Bundestagswahlen und die Wahlergebnisse sprechen und wieso ist das so wichtig? Dazu waren wir mit Dominik Ringler im Gespräch. Dominik Ringler arbeitet beim Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg, ist dort Referent für kommunale Beratung, für landesweite Themen und Projekte, für Vernetzung und für Qualifizierungsangebote. Am 04. März war er bei unserem Digitalcafé „Bundestagswahl 2025: Mit Kindern und Jugendlichen über Wahlergebnisse sprechen“ zu Gast.
DKJS: Dominik, die Bundestagswahlen sind vorbei und die Ergebnisse stehen fest. Wieso ist es wichtig, gerade jetzt mit Kindern und Jugendlichen über die Wahlergebnisse zu sprechen? Und warum ist es generell wichtig, mit jungen Menschen über Politik zu reden?
Kinder und Jugendliche sind direkt von politischen Entscheidungen betroffen – sei es durch Veränderungen in der Bildungspolitik, Klimaschutzmaßnahmen oder soziale Fragen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass junge Menschen politische Themen bewusst wahrnehmen und dazu Fragen stellen. Dies geschieht sowohl im familiären Umfeld als auch in der Schule oder über Medien. Politische Bildung fördert langfristig demokratische Partizipation und gesellschaftliches Engagement.
Die UN-Kinderrechtskonvention sichert Kindern und Jugendlichen das Recht auf Information, Meinungsbildung und Beteiligung zu. Besonders nach einer Wahl entstehen viele Fragen: Was bedeuten die Wahlergebnisse? Welche Parteien haben gewonnen oder verloren? Welche Auswirkungen hat das auf den Alltag? Pädagogische Fachkräfte haben eine wichtige Rolle, um Orientierung zu geben, Wissen altersgerecht zu vermitteln und Ängste zu reduzieren. Oft nehmen junge Menschen durch Nachrichten oder Gespräche in ihrem Umfeld politische Stimmungen wahr, die sie verunsichern können. Daher ist es entscheidend, dass Erwachsene diese Unsicherheiten aufgreifen, ein offenes Gesprächsangebot machen und junge Menschen dabei unterstützen, sich eine eigene Meinung zu bilden.
DKJS: Wie kann ich mit Kindern und Jugendlichen zu den Wahlergebnissen ins Gespräch kommen? Welche Methoden oder Ansätze eignen sich?
Es ist wichtig, die Sprache altersgerecht anzupassen und die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen. Dabei können verschiedene methodische Ansätze genutzt werden.
Für Kinder im Grundschulalter zwischen sechs und zehn Jahren eignen sich spielerische Methoden bzw. ein Methodenmix besonders gut. Geschichten und Bilderbücher über Demokratie können einen Einstieg in das Thema ermöglichen. Eine weitere Möglichkeit ist es, Kinder in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, etwa indem sie über kleine Themen im Alltag abstimmen. Nachrichtenformate, die speziell für Kinder aufbereitet sind, wie beispielsweise „logo!“ oder „HanisauLandhttps://www.hanisauland.de/lehrer-innen“, können genutzt werden, um politische Themen verständlich zu machen. Auch Fantasieübungen, bei denen Kinder sich überlegen, z. B. was sie als Bundeskanzler:in verändern würden, fördern ein erstes Demokratieverständnis.
Für ältere Kinder und Jugendliche zwischen zehn und vierzehn Jahren sind interaktive Formate besonders sinnvoll. Diskussionsrunden über politische Entscheidungen können helfen, Meinungen zu reflektieren und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Eine Simulation einer Wahl, bei der Kinder und Jugendliche eigene Parteien mit Programmen gründen und gegeneinander antreten lassen, ermöglicht es, demokratische Prozesse praktisch zu erleben. Auch die Analyse von Wahlplakaten oder politischen Kampagnen in den sozialen Medien kann dazu beitragen, ein kritisches Verständnis für Politik und öffentliche Kommunikation zu entwickeln. Zusätzlich ist es wichtig, die Medienkompetenz zu fördern, damit Kinder und Jugendliche lernen, Fake News zu erkennen und politische Meinungen kritisch zu hinterfragen.
Generell ist es wichtig mit unterschiedlichen Methoden zu agieren. Ein Methodenmix ermöglicht nicht nur die Orientierung an der Lebenswelt junger Menschen, sondern bindet junge Menschen mit unterschiedlichen Bedarfen ein. Durch verschiedene methodische Ansätze wird Politik für junge Menschen greifbar und verständlich, ohne dass sie überfordert werden.
DKJS: Was müssen schulische und außerschulische Fachkräfte beachten, wenn sie mit jungen Menschen über Wahlergebnisse und über Politik sprechen? Ein Stichwort ist hier das Neutralitätsgebot, zu dem immer wieder Fragen aufkommen. Welche Tipps hast du?
Ein wichtiger Leitfaden für politische Bildung ist der sogenannte Beutelsbacher Konsens, der drei wesentliche Prinzipien umfasst.
Erstens gilt das Überwältigungsverbot (bzw. Indoktrinationsverbot), das besagt, dass Kinder und Jugendliche nicht in ihrer Meinungsbildung beeinflusst oder indoktriniert werden dürfen. Sie sollen sich eine eigene Haltung erarbeiten können, ohne dass ihnen eine bestimmte politische Ansicht aufgedrängt wird.
Zweitens ist das Kontroversitätsgebot zentral. Politische Themen sollen im Unterricht oder in der außerschulischen Bildung so behandelt werden, wie sie auch in der Gesellschaft diskutiert werden. Wenn es beispielsweise unterschiedliche Meinungen zu einer politischen Entscheidung gibt, sollten diese auch im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen thematisiert werden.
Drittens ist die Adressat:innenorientierung entscheidend. Die Inhalte müssen so vermittelt werden, dass sie für die jeweilige Gruppe verständlich und nachvollziehbar sind. Politische Bildung darf nicht abstrakt bleiben, sondern sollte immer an die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen anknüpfen.
Das sogenannte „Neutralitätsgebot“ bedeutet daher nicht, dass Fachkräfte sich gar nicht äußern dürfen. Vielmehr geht es darum, eine demokratische Grundhaltung zu vermitteln, Diskussionen offen zu führen und unterschiedliche Positionen sichtbar zu machen. Es ist nicht neutral, wenn Menschenrechte oder demokratische Prinzipien infrage gestellt werden. Pädagogische Fachkräfte sollten daher nicht bloß Beobachter:innen sein, sondern aktiv demokratische Werte wie Respekt, Meinungsfreiheit und Toleranz vermitteln.
Es ist nicht neutral, wenn Menschenrechte oder demokratische Prinzipien infrage gestellt werden. Pädagogische Fachkräfte sollten daher nicht bloß Beobachter:innen sein, sondern aktiv demokratische Werte wie Respekt, Meinungsfreiheit und Toleranz vermitteln.
DKJS: Aktuell gibt es viele politische Entwicklungen, in Deutschland und weltweit, die verunsichern können. Wie schaffe ich es, angesichts herausfordernder Zeiten trotzdem Zuversicht zu vermitteln?
In Zeiten politischer Unsicherheiten oder gesellschaftlicher Herausforderungen kann es schwerfallen, optimistisch zu bleiben. Dennoch ist es gerade für Kinder und Jugendliche wichtig, dass sie ein Gefühl der Handlungsfähigkeit behalten. Eine Möglichkeit, Zuversicht zu vermitteln, besteht darin, demokratische Werte vorzuleben und zu betonen, dass jede:r Einzelne einen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.
Ein wichtiger Ansatz ist es, jungen Menschen aufzuzeigen, dass Wissen eine Grundlage für Handlungsfähigkeit ist. Wer gut informiert ist, kann politische Ereignisse besser verstehen und einordnen. Daher sollten Kinder und Jugendliche ermutigt werden, sich mit aktuellen Themen auseinanderzusetzen, Fragen zu stellen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Gleichzeitig ist es wichtig, darauf zu achten, dass sie nicht von zu vielen belastenden Nachrichten überfordert werden. Der bewusste Umgang mit Medien kann helfen, Informationen in einem angemessenen Maß zu konsumieren.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, Kinder und Jugendliche zu ermutigen, sich aktiv zu beteiligen. Es gibt viele Möglichkeiten, politische Teilhabe zu erleben, sei es durch den Besuch eines Jugendparlaments, das Schreiben von Briefen an Abgeordnete oder die Teilnahme an Projekten zur Kinder- und Jugendbeteiligung. Wer selbst aktiv wird, fühlt sich weniger machtlos.
Auch die Gemeinschaft spielt eine entscheidende Rolle. Wenn Kinder und Jugendliche sich mit Gleichgesinnten vernetzen, erleben sie, dass sie nicht alleine sind. Gemeinsames Engagement, sei es durch Demonstrationen, Schulprojekte oder soziale Initiativen, kann das Gefühl von Zusammenhalt und Wirksamkeit stärken.
Für Zuversicht braucht es aber auch Vertrauen. Wie im 17. Kinder- und Jugendberichthttps://www.bmfsfj.de/resource/blob/244626/b3ed585b0cab1ce86b3c711d1297db7c/17-kinder-und-jugendbericht-data.pdf beschrieben, setzt dies eine wechselseitige Beziehung zwischen Erwachsenen und jungen Menschen voraus. Erwachsene müssen Kindern und Jugendlichen zutrauen, sich eine eigene Meinung zu bilden, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig müssen Erwachsene auch so handeln, dass Vertrauen von jungen Menschen in sie möglich ist. Das bedeutet, dass sie transparent kommunizieren, sich verlässlich zeigen und junge Menschen ernst nehmen. Nur wenn Vertrauen in beide Richtungen aufgebaut wird, entsteht ein stabiles Fundament, das junge Menschen motiviert, sich für Demokratie und Gesellschaft zu engagieren.
Nur wenn Vertrauen in beide Richtungen aufgebaut wird, entsteht ein stabiles Fundament, das junge Menschen motiviert, sich für Demokratie und Gesellschaft zu engagieren.
Schließlich sollten auch Fachkräfte auf ihre eigene mentale Gesundheit achten. Wer sich regelmäßig mit schwierigen politischen Themen auseinandersetzt, kann sich selbst überfordert oder erschöpft fühlen. Es ist daher wichtig, sich bewusst Erholungszeiten zu nehmen und sich mit anderen auszutauschen, um langfristig engagiert bleiben zu können.
Durch diese Strategien kann es gelingen, Kindern und Jugendlichen ein Gefühl der Zuversicht zu vermitteln und sie darin zu bestärken, sich für eine demokratische Gesellschaft einzusetzen.
Vielen Dank für das Interview!
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